Ausstellung # 257
10. März bis 5. Mai 2007
István Haász ist ein typisch mitteleuropäischer Künstler mit allen Vor- und Nachteilen dieses Seins. Die Anknüpfungspunkte seines Werkes an die ungarische Kunstgeschichte sind eindeutig. Der Konstruktivismus ist die wichtigste, die bestimmende, eine immer wiederkehrende Richtung der ungarischen Avantgarde von den 10er und 20er Jahren des 20. Jahrhunderts an. Der Ausgangspunkt ist selbstverständlich Lajos Kassák, aber man darf auch das Bauhaus und Läszlö Moholy-Nagy nicht vergessen. Diese Tradition lebt in Ungarn in den 60er Jahren erneut auf und spielt konsequent eine bedeutende Rolle in der markant präsenten Neoavantgarde der 70er Jahre. ...
Seine Arbeiten aus den 70er Jahren bestehen hauptsächlich aus Grafiken mit wenigen, hauchdünnen Linien und geometrischen Formen. Aus monochromen, geometrischen Flächen lässt er konstruktive, konkrete Bilder entstehen. Mit disziplinierter Selbstbeschränkung bearbeitet er in den 80er Jahren auf seinen Bildern und seinen Grafiken die Probleme der Fläche und der Beziehung geometrischer Formen zueinander.
Die bestimmenden Farben dieser Zeit sind auf einen Hintergrund gesetzte Schwarz-, Blau- und verschiedene Rosttöne, die durch hauchfeine Linien gegliedert, zerschnitten und bestimmt werden. Der Grossteil der Bilder ist quadratisch, doch die unregelmässig geformete Leinwand als bedeutendes formales Ausdrucksmittel ist bei Haász bereits seit den 8Oer Jahren stets präsent. Auch diese Bildobjekte beschäftigen sich mit den verschiedenen Flächen, ihrer gegenseitigen Durchdringung und ihrem Ineinandergreifen. Als in den 80er Jahren diese auf die Fläche begrenzte Konzeption ihren Höhepunkt zu erreichen scheint, sieht Haász die Notwendigkeit, die aufgeworfenen geometrischen Probleme in den Raum zu transponieren. So entstehen die ersten reliefartigen Objekte. Diese sind zunächst nicht mehr als das, was er zuvor auf der Fläche der Leinwand verwirklichte, eine reliefartige Fortsetzung der Probleme der Malerei. Diese konsequente, serielle Tätigkeit erwacht in Folge zu einem Eigenleben und verändert bis zum Ende der 80er Jahre das bis dahin rein zweidimensionale Kompositionssystem fast vollständig. Die Werke dringen in den Raum ein. Darüber hinaus treten zwei weitere radikale Veränderungen in Erscheinung. Das dunkle Monochrome wird durch ein helles abgelöst, die verschiedenen Abstufungen von Weiss und Gelb übernehmen die führende Rolle. Andererseits wird der Grossteil der Objekte mehrteilig. Die Kompositionsweise von Haász nimmt von da an besondere Rücksicht auf die Relationen zwischen den Objekten, die Serie spielt bereits innerhalb eines Werkes eine bedeutende Rolle. Als Neuigkeit treten auch das reale Licht und der reale Schatten als Kompositionselemente hinzu. Der innere Schatten wird eine wichtige Komponente der schachtelartigen Objekte verschiedener Höhe. Das Lasieren des Bildes wird von einer eigenwilligen Collagetechnik abgelöst. Auf die Oberfläche des Reliefs montiert Haász Papierschnitzel verschiedener geometrischer Formen als Grundlage für die Malerei. So entsteht eine zusätzliche räumliche Faktur.
Diese Kunstform übernimmt in den 90er Jahren die Alleinherrschaft im Schaffen von Haász. Der Künstler stellt nun mit zwei-, drei-, vier- und mehrteiligen Objekten und Objektsystemen komplexe geometrische Zusammenhänge dar. Die einzelnen Ebenen von verschiedener Höhe und Form, die sich unmittelbar aneinander oder voneinander entfernend anschließen, bilden immer raffiniertere Raum- und Schattensysteme. Andererseits lassen sie innerhalb der einzelnen Werke das Gefühl von Variabilität aufkommen, als könnte man die Teile, die Formen des Werkes vertauschen oder drehen, als würden die Beziehungen der Teile zueinander beliebig bestimmt. Haász handhabt den Rhythmus der Struktur unglaublich virtuos. Er ist einerseits ausserordentlich ruhig, ausgeglichen und stabil, andererseits ein sich stets verändernder. Seine Strukturen sind von einer typisch räumlichen Natur. Jedes Element kann nur in der Bewegung wahrgenommen werden. Der durch die verschiedenen schrägen Ebenen, Ausschnitte, überdeckungen, Auslassungen und Ineinanderschiebungen entstandene Raum zeigt sich erst durch die Betrachtung aus verschiedenen Perspektiven.
Péter Fitz
Biografie
1946 geboren in Gönc, Ungarn
1964-68 Pädagogische Hochschule, Eger
1975-79 Studium an der Akademie der Bildende Kunst, Budapest
seit 1988 Dozent an der Moholy-Nagy University of Art and Design, Budapest
seit 1989 Mitglied Alte Künstlerkolonie, Szentendre
1990 Preis der Biennale Malych Form Malarskich, Torun, Polen
1991 Stipendium der Pollock–Krasner Foundation, New York
1992 DAAD–Stipendium, Atelierhaus, Worpswede
1994 Goldenes Verdienstkreuz der Republik Ungarn
Villa Waldberta Stipendium, Feldafing - München
1996 Stipendium der Pollock–Krasner Foundation, New York
1997 Preis der III. Pastell Biennale, Esztergom, Ungarn
1999 Stipendium der Ungarischen Akademie, Rom
2002 Munkácsy–Preis
2004 Stipendium der Stadt Frankfurt am Main
2005 Gastdozent International Academy of Arts, Bremen-Vallauris