<<< zurück

Inhalte

aus der Mappe "Compose", Edition rittergallery Klagenfurt, 2007: Josef Linschinger "AO" und Hiroshi Tanabu (ao) = blue. Foto: Archiv Josef Linschinger
aus der Mappe "Compose", Edition rittergallery Klagenfurt, 2007: Josef Linschinger "AO" und Hiroshi Tanabu (ao) = blue
aus der Mappe "miteinander", Editon Galerie St. Johann Saabrücken: Heinz Gappmayer "manche/einige/mehrere/viele". Foto: Dirk Rausch
aus der Mappe "miteinander", Editon Galerie St. Johann Saabrücken: Heinz Gappmayer "manche/einige/mehrere/viele"

Josef Linschinger & Heinz Gappmayr, Eugen Gomringer, Shutaro Mukai, Hiroshi Tanabu

Ausstellung #261

27. Oktober bis 1. Dezember 2007

 

Die Galerie St. Johann in Saarbrücken zeigt vom 27. Oktober bis zum 1. Dezember 2007 die Ausstellung "miteinander". Die Ausstellung Visueller Poesie geht auf eine Initiative des österreichischen Künstlers Josef Linschinger zurück und war bereits in mehreren Ausstellungshäusern (u. a. im Institut für Konstruktive Kunst und Konkrete Poesie, Rehau und im Forum Konkreter Kunst Erfurt) zu sehen, seit sie im Jahr 2005 im Thomas-Bernhard-Archiv in Gmunden ihren Ausgang genommen hat.

Die Ausstellung "miteinander" stellt fünf Künstlermappen mit visueller Poesie von Josef Linschinger, Heinz Gappmayr, Eugen Gomringer, Shutaro Mukai und Hiroshi Tanabu vor. "miteinader" ist zugleich der Titel einer der fünf Mappenwerke, die je eine Arbeit von Linschinger, Gappmayr und Gomringer enthält und die im Jahr 2006 von der Galerie St. Johann herausgegeben wurde. Anlass hierzu waren der sechzigste Geburtstag von Josef Linschinger und die beiden achtzigsten Geburtstage von Heinz Gappmayr und Eugen Gomringer 2005.  Das Blatt von Gappmayr trägt einen Einworttext, der Begriffe zur Bezeichnung von Mengen thematisiert: "manche/einige/mehrere/viele". Eugen Gomringer bringt in einer Doppelzeile die Worte "sprechen hören/schweigen verstehen" zusammen, die netzförmig innerhalb eines Bedeutungsgeflechts verbunden sind. Josef Linschinger führt in seiner Arbeit den visuellen Text Gappmayrs mit dem doppelzeiligen Gedicht Gomringer zusammen, indem er sechzehn mögliche Begriffspaarungen vornimmt. Diese Begriffspaarungen (zum Beispiel: manche sprechen/einige hoeren/mehrere schweigen/viele verstehen) übersetzt Linschinger in den Barcode 39, den Strichcode, der zur Kennzeichnung von handelsüblichen Waren verwendet und von Scannern decodiert wird. Dabei fasst Linschinger die Vokale im Schriftbild der Codeschrift farbig, die Konsonanten schwarz.

Die Übersetzung konkreter Poesie Eugen Gomringers in die Codeschrift von Josef Linschinger führt auch die Mappe "Nachwort" vor Augen. Auf acht Blättern visualisiert die Mappe  das "Nachwort" des Stundenbuches Eugen Gomringers. Die Blätter tragen jeweils einen Buchstaben des Wortes "Nachwort" sowie einen zweizeiliges Gedicht von Gomringer (zum Beispiel: der mann, den ich verstand/das kind, das ich lehrte). Die Worte Gomringers sind auf jedem Blatt, in die von Linschinger verwendete Codeschrift sowie in der Übertragung ins Japanische visualisiert:  „durch die übertragung in den code 39 erhält der meditative inhalt zum erstenmal eine adäquate universelle gestalt. das reine sehbild des codes bietet der inneren stimme neue bindung und einen rhythmus des lesens, der dem lesen von architektur gleicht.“  (gomringer, stundenbuch, S. 129) Die Übersetzung der Konkreten Poesie Gomringers in die Codeschrift Linschingers sowie die Übersetzung ins Japanische führen vor Augen, dass die Schrift (die lateinische, ebenso wie die japanische und die Codeschrift) eine Abstraktion der durch Worte beschriebenen realen Welt darstellt.

Die Mappe "Begriffe" beinhaltet jeweils drei Werke von Heinz Gappmayr und Josef Linschinger.  Die drei Blätter Gappmayrs zum Begriff "Raum" bilden die Antwort auf die Blätter Linschingers, die den Begriffen Punkt,  Linie und Fläche gewidmet sind: "Das Resultat all der in der Ausstellung gezeigten Werke ist eine permanente Oszillation zwischen Visuellem und Vorgestelltem. (...) Die Mappe ist sichtbares Zeichen für einen Dialog zwischen den Medien Bild und Sprache, aber auch für den Dialog, den die zwei Künstler schon seit Jahren auf verschiedenen Ebenen miteinander führen." (Hapkemeyer, 2007, S. 36)

Den Dialog sucht Josef Linschinger seit 1997 auch intensiv mit japanischen Künstlern, Vertretern der japanischen Visuellen Poesie. Er nimmt 2001 ein mehrmonatiges Japan-Stipendium des Bundeskanzleramtes wahr. Der Künstler verfügt zudem über eine Sammlung Japanischer Visueller Poesie, die er seit 2002 in einer Ausstellungsreihe zeigt und die in begleitenden Katalogen in deutscher und Englischer Sprache publiziert ist. Dadurch ist Josef Linschinger mit zahlreichen japanischen Künstlern bekannt, mit einigen auch freundschaftlich verbunden. So wirken bei den Mappen "Compose" und  "einander" die japanischen Künstler Hiroshi Tanabu beziehungsweise Shutaro Mukai, beide Vertreter der Japanischen Visuellen Poesie, mit.

Die Mappe "Compose" vereint jeweils fünf Arbeiten Tanabus mit denen Linschingers. Linschinger visualisiert auf fünf Blättern jeweils einen Zwielaut, der aus der farbigen Überlagerung zweier Vokale entsteht. Dabei bringt der Künstler jeweils einen Vokal in Lateinischer Schrift mit einem Vokal in der Japanischen Schrift, der Katakana, zusammen und visualisiert sie deckungsgleich. Linschinger thematisiert bildnerisch seit einigen Jahren  „Vokale“. In dieser Bildthematik stellt Linschinger die Vokalfarben in Klangfarben dar. Dabei wird dem tiefsten Vokal, dem U, die Farbe Blau zugeordnet. Demgegenüber siedelt der Künstler das strahlende A an, dem er die Farbe Rot zuordnet. Dazwischen liegt der hellste Vokal, das I, welches der Künstler mit der hellsten Farbe, dem Gelb, verbindet. Gemäß der Reihenfolge des Alphabetes A, E, I, O, U, ordnet sich das E zwischen dem A und dem I, das O zwischen dem I und dem U, an. Für den Künstler ist es eine besondere Erkenntnis, dass die alphabetische Ordnung der Vokale sowohl mit der Entwicklung der Farbklänge als auch mit der lautmalerischen Entwicklung konform geht. So verschwimmen die Grenzen zwischen den Primärfarben Rot (A) und Gelb (I) zu Orange (E) und zwischen Gelb (I) und Blau (U) zu Grün (O). Die Typografie der Buchstaben des lateinischen Alphabetes entwirft der Künstler wie auch die formale Reduktion der Katakana selbst.

Die Kombination  der Lateinischen und Japanischen Schriftzeichen zeigt Farb-, Form und Lautklänge im „Zwischen“: Zwischen den Primärfarben liegen die Sekundärfarben. Zwischen den Formen der einzelnen Zeichen gibt es Überschneidungen, Schnittmengen und Freiflächen – ein Spiel mit Negativ- und Positivformen. Zwischen den reinen Klängen der Vokale liegen die Mischlaute. Hiroshi Tanabu reagiert mit seinen Blättern auf  die Zwielaute Linschingers, indem er ausgehend vom Vokalklang der Zwielaute diese seinerseits in die in Japan verwendeten chinesischen Schriftzeichen des Hiragana übersetzt. Die Blätter visualisieren Schriftzeichen, thematisieren die Aspekte des Klangs sowie der formalen Erscheinung von Zeichen: "Die visuellen und die hörbaren Elemente von Buchstaben, die man in seiner Muttersprache kaum wahrnimmt, werden von den Regeln und der Geschichte der Sprache getrennt und schweben in einem schwerelosen Zustand, sodass wir sie frei empfangen und fühlen können." (Yarita, 2007, S. 70)

In der Mappe "einander" widmet sich Josef Linschinger dem Wort "einander" in Verbindung mit achtzehn unterschiedlichen Präpositionen, die er auf jeweils einem Blatt visualisiert: "Präpositionen werden zu Worten und Gesten des Raumes, wobei jedesmal wechselseitige Beziehungen entstehen." (Mukai, 2007, S. 14) Die Mappe enthält zudem das Blatt "Tagai" von Shutaro Mukai, was im Japanischen "einander" bedeutet. Da es im Japanischen keine Präpositionen gibt, erhält "Tagai" die verschiedenen Bedeutungen durch die Ergänzung durch Adjektive oder Adverbien. Mukai visualisiert das Wort "Tagai" auf dem Blatt durch das chinesische Schriftzeichen sowie in der japanischen Lautschrift. Zur visuellen Umsetzung wählt der Künstler eine kreisförmige Anordnung des Zeichens, wodurch er alle Bedeutungen von Linschingers "einander" in einem Kreis zusammenschließt. Eine ähnlich umfassende Bedeutung ist auch dem Blatt "miteinander" von Josef Linschinger beizumessen, auf dem er die elf Buchstaben des Wortes in einem Carré im Zentrum des Blattes anordnet: Wie Linschinger auf diesem Blatt das Miteinander visualisiert, so vereint er unter dem Ausstellungstitel "miteinander" Arbeiten internationaler Künstler, deren "Miteinander" programmatisch für seine Auffassung künstlerischer Tätigkeit ist.


Kurzbiografien

  • Heinz Gappmayr
    1925 geboren in Innsbruck, lebt in Innsbruck, Künstler und Theoretiker
  • Eugen Gomringer
    1925 geboren in Cachuela Esperanza, Bolivien, lebt in Rehau, Künstler und Theoretiker
  • Josef Linschinger
    1945 geboren in Gmunden, lebt in Traunkirchen, Künstler
  • Shutaro Mukai
    1932 geboren in Tokyo, lebt in Tokyo, Künstler und Theoretiker
  • Hiroshi Tanabu
    1938 geboren in Hachinohe, lebt in Saitama, Künstler und Herausgeber



Literatur

  • Josef Linschinger (Hg.): Poesie – konkret-visuell-konzeptuell. Dokumentation des 7. Gmundner Symposions. Wien, Klagenfurt 1997.
    Mit Beiträgen u. a. von:
    - Pierre Garnier: Meine Zusammenarbeit mit Seiichi Niikuni
    - Franzobel: Termini in flagranti
    - Christian Steinbacher: Blattwerk
    - Gerhard Jaschke: Freibord
    - Thomas Eder: Heimrad Bäckers „neue texte“
    - Heinz Gappmayr; "Cubes"
    - Strichcodes und Bildtexte von Josef Linschinger.
  • Josef Linschinger (Hg.): Innovation – konstruktiv-konkret-visuell-konzeptuell. Dokumentation des 10. Gmundner Symposions. Wien, Klagenfurt 2000.
    Mit Beiträgen von:
    - Josef Linschinger: Vorwort
    - Helmut Loidl: Rückblick
    - Dietfried Gerhardus: Das entgrenzte Bild
    - Werner Wolf: Konstruktivismus in Kunst und Philosophie
    - Peter Assmann: Schreiben an einen Konstruktivisten
    - Heinz Gappmayr: Sprache und bildende Kunst
    - Friedrich Achleitner: Die gute Suppe
    - Peter Staechlin: gmunden im herbst
  • Josef Linschinger (Hg.): Japanische visuelle Poesie. Klagenfurt 2002.
    Mit Beiträgen von:
    - Shutaro Mukai: Zur Situation visueller Poesie in Japan
    - Eugen Gomringer: Fußnoten zu Shutaro Mukai
  • Josef Linschinger: ZYKLEN. Kunstuniversität Linz (Hg.), Linz 2003.
    Mit Beiträgen u. a. von:
    - Heinz Gappmayr: zu Rhythmen
    - Klaus Peter Dencker: zu Farben
    - Jiri Valoch: zu Relationen
    - Siegfried J. Schmidt: zu Textbild III
    - Ilse und Pierre Garnier: zu Humanité
    - Dietmar Guderian: zu Zahlenfolgen II
    - Heidi Bierwisch: zu ETC
  • eugen gomringer, josef linschinger, das stundenbuch in kanji und code. kunstuniversität linz (Hg.), weitra, linz, münchen 2005. mit einem text von wilhelm gössmann: nachwort als vorwort.
  • Josef Linschinger: Miteinander. Josef Linschinger & Heinz Gappmayr, Eugen Gomringer, Shutaro Mukai, Hiroshi Tanabu. Forum Konkrete Kunst Erfurt (Hg.), Saarbrücken 2007. Mit Textbeiträgen von:
    - Heidi Bierwisch: Zur Ausstellung
    - Shutaro Mukai: Einander
    - Andreas Hapkemeyer: Begriffe
    - Tsuneo Sunaga: Nachwort
    - Sandra Kraemer: Miteinander
    - Misako Yarita: Compose
    - Uwe Schögl: Die Künstler als Autoren