Ausstellung #257
20. Januar bis 3. März 2007
Die Kunst braucht den Betrachter, um sich zu konkretisieren. Auch die konkrete Kunst. In dieser Konstellation hat sie die Möglichkeit, ganz bei sich zu bleiben und sich auf die Überzeugungskraft des faktisch Sichtbaren zu verlassen. Sie kann sich aber auch zum Betrachter hin öffnen, indem sie die Prämissen der Konkretion beherzigt und dennoch einen emphatischen Illusionismus beschwört. Wolfram Ullrich hat in den vergangenen Jahren seine künstlerische Arbeit immer mehr in Richtung dieses Möglichkeitssinns geöffnet. Das rationale Bemühen um formale Strenge ist ihm dabei ebenso wichtig, wie die irrationale Kehrseite ihrer Wirkung.
So bestechen Ullrichs jüngste Reliefs zunächst durch ihre präzise Form und Farbgebung. Es sind Polyeder über trapezförmigen Grundflächen. An den Rändern wird ihr geometrischer Körper aus gebürstetem Stahl sichtbar, die Schauseite selbst ist mit einer monochromen Haut aus Lack und Acrylfarbe überzogen: blau, lachsfarben oder in erdigem Rostbraun. Entfernt man sich sukzessive vom faktisch Sichtbaren, dann beginnen diese Reliefs sich unwillkürlich zu winden. An der Wand und je nach Betrachterstandpunkt vollführen sie optisch unmögliche Perspektiven, arbeiten sich in die Wand hinein oder aus ihr heraus, sie kippen und werden weich, beugen sich über schmale Schattenfugen dem Betrachter entgegen und verabschieden sich schließlich in die Schwerelosigkeit.
Man versucht, dieser Illusion zu misstrauen, aber es mag nicht so recht gelingen. Zu stark ist der Sog, den diese Arbeiten ausüben. Man versucht, die strenge Lesart der Konkretion abzuschütteln, aber zu stark ist die Fliehkraft der konkreten Kunst, die in Ullrichs Arbeiten nach wie vor spürbar ist. Dank dieses wohl kalkulierten Antagonismus der Kräfte gelingt es Wolfram Ullrich, einer starken Tradition treu zu bleiben, ohne ihren Konventionen zu erliegen.
Ralf Christofori
Biografie
1961 geboren in Würzburg
1980-86 Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart
1981-85 Kunstgeschichte an der Universität Stuttgart
1990 Stipendium der Graduiertenförderung des Landes Baden-Württemberg
1991 Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg
1992 Arbeitsstipendium des DAAD, New York
lebt und arbeitet in Stuttgart